Wie PFAS über Klärschlamm in den Boden gelangten
In den 1970er- bis 1990er-Jahren wurde Klärschlamm in der Ostschweiz landwirtschaftlich als Dünger auf Felder ausgebracht. Damals galt das Material vielerorts als nützliche Nährstoffquelle. Laut den Berichten wurde seine Nutzung von kantonalen Fachstellen und Beratungen aktiv unterstützt, teils sogar planerisch organisiert. Erst viel später zeigte sich, dass über diesen Klärschlamm auch PFAS-Rückstände auf die Böden gelangt waren.
Was ist genau passiert?
Das Nebenprodukt aus der Abwasserreinigung wurde über Jahre auf Feldern verteilt. Nach heutigem Kenntnisstand stammten die PFAS-Rückstände aus diesem Klärschlamm und blieben im Boden zurück. Das Problem wurde besonders sichtbar, als ab 2021 in Landwirtschaftsböden – etwa in Eggersriet – PFAS nachgewiesen wurden und später auch Belastungen bei landwirtschaftlichen Produkten und betroffenen Betrieben zum Thema wurden.
Wo liegt das Problem heute?
Das Hauptproblem liegt darin, dass PFAS sehr langlebig sind und im Boden verbleiben. Die Belastung betrifft deshalb nicht nur jene, die damals Klärschlamm ausbrachten, sondern oft auch heutige Bewirtschafter, die die Flächen übernommen oder gepachtet haben. Dadurch entstehen wirtschaftliche Folgen für Bauernfamilien, obwohl viele von ihnen die ursprüngliche Eintragung nicht selbst verursacht haben.
Wer hat es erlaubt?
Laut den Berichten war die landwirtschaftliche Verwendung von Klärschlamm damals zulässig und wurde von kantonalen Stellen fachlich begleitet. Genannt wird insbesondere, dass kantonale Berater berechneten, wie viel Klärschlamm ausgebracht werden könne, um ein nährstoffmässiges Optimum zu erreichen. Ein kantonales Konzept von 1992 wird als Hinweis genannt, dass die Verwertung nicht nur geduldet, sondern organisiert und gefördert wurde.
Wer hat gewarnt?
Gewarnt wurde offenbar schon früh von einzelnen Stimmen aus Politik und Fachwelt. In den Berichten werden Hinweise auf einen Zeitungsartikel von 1974 genannt, in dem der Chemiker und Kantonsrat Werner Schefer vor Rückständen im Klärschlamm warnte. Zudem wird ein Parlamentsprotokoll von 1978 erwähnt, in dem vor Chemikalien, Schwermetallen und weiteren problematischen Stoffen im Klärschlamm gewarnt wurde.
Warum wird über die Schuldfrage gestritten?
Die Schuldfrage ist umstritten, weil mehrere Ebenen zusammenkommen. Der Bauernverband argumentiert, die Bauern seien Opfer und nicht Täter, weil ihnen die Nutzung von Klärschlamm über Jahre empfohlen worden sei und sie auf die Beratung vertraut hätten. Die Regierung hält dagegen, die Rollen der Beteiligten seien „sehr vielschichtig“ und es greife zu kurz, die Landwirtschaft nur als Opfer und die kantonale Beratung nur als Täter darzustellen.
Kern des Streits
Im Zentrum steht also die Frage, wer Verantwortung trägt, wenn eine damals erlaubte und empfohlene Praxis heute schwere Folgen zeigt. Strittig ist, ob vor allem der Kanton wegen seiner Beratung und Förderung verantwortlich ist, oder ob die Verantwortung breiter verteilt werden muss – auf damalige Behörden, Fachstellen, Entsorgungssysteme und die damalige Wissenslage insgesamt.
Quellen
- swissinfo.ch: https://www.swissinfo.ch/ger/beim-thema-pfas-wird-im-kanton-st.-gallen-die-schuldfrage-gestellt/91755191
- Linth24: https://linth24.ch/articles/393948-pfas-schuldfrage-wird-gestellt
Publiziert: 16.07.2026